Kaum ein Thema bewegt die deutsche Wirtschaftsdebatte so sehr wie die Frage, was Künstliche Intelligenz (KI) mit den Arbeitsplätzen macht. Die Antwort der Forschung fällt differenzierter aus, als viele Schlagzeilen vermuten lassen: Statt eines plötzlichen Massenabbaus zeichnet sich vor allem eine tiefgreifende Verschiebung zwischen Berufen und Branchen ab.

Was die Studien zeigen

Eine vielbeachtete Szenario-Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gemeinsam mit der GWS rechnet vor, dass ein verstärkter KI-Einsatz das deutsche Wirtschaftswachstum über 15 Jahre um durchschnittlich 0,8 Prozentpunkte pro Jahr erhöhen könnte. Entscheidend für die Beschäftigung: Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze bliebe im KI-Szenario weitgehend stabil. Allerdings würden laut Modellrechnung über 15 Jahre rund 1,6 Millionen Stellen wegfallen oder neu entstehen – ein gewaltiger Umbau im Inneren des Arbeitsmarkts.

Die Verschiebung verläuft entlang klarer Linien. Profitieren würden vor allem IT- und Informationsdienstleister, während die unternehmensnahen Dienstleistungen Stellen verlieren könnten.

Welche Berufe betroffen sind

Wie stark Tätigkeiten grundsätzlich durch Technik ersetzbar sind, misst das IAB mit dem sogenannten Substituierbarkeitspotenzial. Demnach arbeiten inzwischen 38 Prozent der Beschäftigten in Berufen mit hohem Substituierbarkeitspotenzial – 2019 waren es noch 34 Prozent. Bemerkenswert: Anders als bei früheren Automatisierungswellen ist das Potenzial besonders bei Expertentätigkeiten mit Hochschulabschluss gestiegen, etwa in IT, Naturwissenschaften und Management. Generative KI trifft also stärker als bisherige Technik kognitive, anspruchsvolle Bürotätigkeiten.

Wichtig zur Einordnung: Ein hohes Substituierbarkeitspotenzial hat in der Vergangenheit selten zu tatsächlichem Stellenabbau geführt – eher zu gebremstem Wachstum. Aktuelle IAB-Auswertungen finden bislang keinen klar negativen Zusammenhang zwischen KI-Betroffenheit und Beschäftigung.

Der internationale Blick

Auch die OECD sieht weniger Verdrängung als Veränderung: Rund ein Viertel aller Beschäftigten im OECD-Raum ist demnach generativer KI „exponiert“, das heißt, mindestens 20 Prozent ihrer Aufgaben ließen sich mit KI deutlich schneller erledigen. Besonders exponiert sind Regionen mit Schwerpunkten in Bildung, IT und Finanzwesen.

Wie schnell die Unternehmen umstellen

In der Praxis schreitet die Einführung rasch voran. Laut Bitkom nutzen im Frühjahr 2026 bereits 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI, weitere knapp die Hälfte planen oder diskutieren den Einsatz. Drei Viertel der Anwender berichten von einer verbesserten Wettbewerbsposition. Innerhalb eines Jahres war der Anteil der Nutzer von 36 auf 41 Prozent gestiegen.

Chancen und Risiken

Die Bilanz ist damit zweischneidig. Auf der Chancenseite stehen höhere Produktivität, neue Geschäftsfelder und – angesichts des demografischen Wandels und Fachkräftemangels – eine willkommene Entlastung. Auf der Risikoseite drohen Verdrängung in einzelnen Büro- und Expertenberufen, wachsender Qualifizierungsdruck und regionale Ungleichheiten. Der entscheidende Faktor bleibt, ob Weiterbildung und der Umbau von Tätigkeiten mit dem Tempo der Technik Schritt halten.