Seit das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) 2022 seinen Betrieb aufnahm, beschäftigt ein Rätsel die Astronomie: kompakte, intensiv rot leuchtende Objekte im frühen Universum, die wegen ihres Aussehens schlicht „Little Red Dots“ (kleine rote Punkte) heißen. Nun präsentiert ein Forschungsteam das bislang detaillierteste Spektrum eines solchen Objekts – und sieht darin den stärksten Hinweis auf eine exotische Erklärung: den sogenannten „Schwarzloch-Stern“.
Was sind Little Red Dots?
Little Red Dots sind kleine, rötliche und punktförmige Quellen, die JWST bei hohen Rotverschiebungen aufspürte – also in einer Phase, als das Universum erst wenige Milliarden Jahre alt war. Ihre wahre Natur ist heftig umstritten: Handelt es sich um extrem dichte Sternentstehungsgebiete oder um aktive Galaxienkerne, in deren Zentrum ein supermassereiches Schwarzes Loch sitzt? Besonders rätselhaft ist, dass viele dieser Objekte für die frühe Kosmos-Epoche erstaunlich massereiche Schwarze Löcher zu beherbergen scheinen – zu massereich, um mit gängigen Wachstumsmodellen leicht erklärbar zu sein.
Die Hypothese vom „Schwarzloch-Stern“
Hier setzt eine Idee an, die die Astronomin Anna de Graaff vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg mit Kolleginnen und Kollegen 2025 vorstellte und in Nature veröffentlichte: Ein Little Red Dot könnte ein junges, von einer extrem dichten, teils ionisierten Gashülle umgebenes Schwarzes Loch sein – ein „Kokon“, der das Objekt von außen wie einen gigantischen Stern erscheinen lässt (de Graaff et al., Nature). Wichtig: Es handelt sich um eine Hypothese, nicht um eine gesicherte Tatsache.
Der neue Befund: über 40 Spektrallinien
Ein Team um Vasily Kokorev von der University of Texas at Austin untersuchte das Objekt GLIMPSE-17775. Dank einer davorliegenden Galaxienanhäufung, die als Gravitationslinse wirkt, ließ sich das Licht verstärken: Rund 30 Stunden JWST-Beobachtung entsprachen so etwa 80 Stunden. Das Ergebnis ist das bislang tiefste Spektrum eines Little Red Dot mit mehr als 40 Spektrallinien, darunter ein auffälliger „Wald“ aus Eisenlinien. Die Studie erschien am 10. Juni 2026 im Astrophysical Journal.
Entscheidend ist die Form der Linien: Statt extrem schneller Gasbewegungen deuten die Daten darauf hin, dass die breiten Wasserstofflinien durch Streuung des Lichts an freien Elektronen in einer dichten, geschichteten Gashülle verbreitert werden. Hinzu kommen Absorptionsmerkmale, die genau zu einem von Gas umhüllten Strahlungszentrum passen (ESA/Webb).
Warum das ein altes Rätsel lösen könnte
Würde man die breiten Linien naiv als reine Bewegung deuten, ergäben sich Gasgeschwindigkeiten von rund 10.000 km/s – und daraus enorm hohe Schwarzloch-Massen, die im frühen Universum schwer zu erklären sind. Das Kokon-Modell mit Elektronenstreuung führt dagegen zu deutlich niedrigeren Werten. Damit müssten die Schwarzen Löcher der Little Red Dots gar nicht so extrem massereich sein wie befürchtet – das würde die Spannung mit den Entstehungsmodellen entschärfen.
Was unsicher bleibt
Trotz der starken Indizien ist die Sache nicht entschieden. Die charakteristische Signatur von GLIMPSE-17775 ist schwächer als bei typischen Little Red Dots, was die Forschenden mit einer umgebenden Wirtsgalaxie erklären – ein Punkt, der noch offen ist. Auch ist unklar, ob alle Little Red Dots Schwarzloch-Sterne sind oder ob hier ein Sonderfall vorliegt. Konkurrierende Deutungen als gasumhüllte aktive Galaxienkerne werden in der Fachwelt weiter diskutiert. Erst weitere hochauflösende Spektroskopie weiterer Objekte dürfte Klarheit bringen.



