Die Europäische Union geht einen Schritt, den sie lange vermieden hat: Sie verhandelt direkt mit den Taliban über die Abschiebung afghanischer Staatsangehöriger. Die EU-Kommission hat Vertreter der Regierung in Kabul zu technischen Gesprächen nach Brüssel eingeladen – obwohl das Taliban-Regime international nicht anerkannt ist. Ein EU-Sprecher betonte gegenüber InfoMigrants/Reuters, die Einladung bedeute ausdrücklich keine diplomatische Anerkennung.

Worum es geht

Im Zentrum stehen Rückführungen von Afghanen, die in Europa kein Bleiberecht haben – insbesondere abgelehnte Asylbewerber sowie Personen, die als Sicherheitsrisiko gelten oder wegen Straftaten verurteilt wurden. Verhandelt werden organisatorische Fragen: mögliche Charter- und Abschiebeflüge, die Kapazitäten des Flughafens Kabul und die Ausstellung von Reisedokumenten. Bislang gibt es kein Rücknahmeabkommen zwischen der EU und Afghanistan, weil das Land weiterhin als unsicheres Herkunftsland eingestuft wird – ohne Zustimmung der Taliban sind gemeinsame EU-Rückführungen praktisch unmöglich.

Der Stand der Gespräche

Nach Angaben der Berichterstattung handelt es sich um erste Kontakte auf technischer Ebene. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner verteidigte den Schritt am 11. Juni 2026: „Es ist keine Option, mit diesen Leuten nicht zu reden, um die Lage zu verbessern", sagte er laut Euronews. Rund 20 EU-Staaten, darunter Deutschland, drängen auf Rückführungen.

Scharfe Kritik von Menschenrechtlern

Menschenrechtsorganisationen laufen Sturm. Amnesty International forderte die EU auf, die Pläne aufzugeben. „Jegliches EU-Engagement bei Abschiebungen nach Afghanistan ist rücksichtslos, gefährlich und ignoriert die eigenen rechtlichen Verpflichtungen der EU", erklärte Eve Geddie, Direktorin des Amnesty-Europabüros (Amnesty International). Die Organisation verweist auf willkürliche Verhaftungen, Folter und das erzwungene Verschwindenlassen unter den Taliban. Besonders dramatisch sei die Lage von Frauen und Mädchen, deren Rechte massiv eingeschränkt würden. Kritiker warnen zudem, dass schon die Verhandlungen das Regime faktisch aufwerten.

Die deutsche Position

Deutschland schiebt bereits ab. Die Bundesregierung erkennt die Taliban nicht an, verweist aber auf Kontakte „auf technischer Ebene". Zuletzt brachte Deutschland verurteilte Straftäter per Charterflug nach Afghanistan zurück; Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will die Zahl der Abschiebungen deutlich erhöhen und hält „drei Charterflüge pro Monat" für möglich. Kritiker werfen der Regierung einen Widerspruch vor: Einerseits werde das Regime wegen seiner Menschenrechtsverletzungen nicht anerkannt, andererseits mache man ihm praktische Zugeständnisse, um abschieben zu können. Die EU steht damit vor einem Dilemma zwischen migrationspolitischem Druck der Mitgliedstaaten und ihren eigenen menschenrechtlichen Grundsätzen.