Die Europäische Union hat am Dienstag erstmals seit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 eine Delegation der islamistischen Machthaber zu Gesprächen nach Brüssel eingeladen. Bei dem Treffen auf technischer Ebene ging es vor allem um die Rückführung von Afghanen, die in der EU kein Aufenthaltsrecht haben. Die Begegnung gilt als diplomatisch heikel und stieß auf scharfe Kritik von Menschenrechtsorganisationen.

Was genau stattfand

Das Treffen am 23. Juni 2026 war das erste seiner Art auf EU-Boden seit der Rückkehr der Taliban an die Macht. Auf europäischer Seite nahmen Vertreter der EU-Kommission sowie Delegierte mehrerer Mitgliedstaaten teil, darunter Deutschland. Gastgeberland Belgien erteilte der Taliban-Delegation nach einer Sicherheitsprüfung fünf Visa – eng begrenzt: gültig nur für einen einzigen Tag und ausschließlich für Belgien, nicht für den gesamten Schengen-Raum. Belgien erklärte, es könne die Visa als Sitzstaat der EU-Institutionen nicht verweigern, da es sich um offizielle europäische Angelegenheiten handele.

Worum es ging

Thematisch standen Migration und insbesondere die Rückführung abgelehnter Asylbewerber im Mittelpunkt – mit besonderem Fokus auf Personen, die Straftaten begangen haben oder als Sicherheitsrisiko gelten. Ein Großteil der EU-Staaten hat Interesse an solchen Rückführungen bekundet und die Kommission um Koordinierung gebeten. Ein Schreiben war an den Taliban-Außenamtssprecher Abdul Qahar Balkhi gerichtet; zugleich verwies die EU darauf, dass mehrere führende Taliban-Vertreter unter EU-Sanktionen stehen.

Warum das umstritten ist

Kontakte dieser Art sind heikel, weil kein EU-Staat die Taliban-Regierung offiziell anerkennt. Den Machthabern werden seit 2021 schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, darunter die Unterdrückung von Frauen und der Ausschluss von Mädchen aus weiterführender Bildung. Kritiker warnen, dass Abschiebungen Menschen in Gefahr bringen könnten.

Reaktionen

Menschenrechtsorganisationen forderten eine Absage. Fereshta Abbasi von Human Rights Watch erklärte, jede Zusammenarbeit mit den Taliban müsse den Schutz der Menschenrechte in den Vordergrund stellen – „nicht die Abschiebung von Menschen in Gefahr". Eve Geddie von Amnesty International nannte es „nicht vertretbar", Menschen nach Afghanistan abzuschieben, das „nur gefährlicher geworden" sei.

Die EU-Kommission verteidigte das Vorgehen. Migrationskommissar Magnus Brunner erklärte, Brüssel habe „keine andere Wahl, als mit der Taliban-Regierung zu sprechen", betonte aber, das Treffen bedeute ausdrücklich keine Anerkennung. Die Kommission stellte die Gespräche als praktische Migrationsfragen dar, nicht als Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

Einordnung

Seit der Rückkehr der Taliban hatten Abschiebungen nach Afghanistan weitgehend geruht, da es an Abkommen und funktionierenden Verfahren fehlte. Vor dem Hintergrund einer verschärften europäischen Migrationsdebatte suchen mehrere Mitgliedstaaten nun nach Wegen, Rückführungen wieder zu ermöglichen. Das Treffen markiert damit einen Schritt hin zu praktischer Zusammenarbeit – ohne dass die EU ihre formale Haltung zur Nicht-Anerkennung geändert hätte. Wie weit die Gespräche zu konkreten Rückführungsabkommen führen, blieb zunächst offen.