Die Ukraine hat am 22. Juni 2026 nach übereinstimmenden Berichten das Halbleiterwerk im südwestrussischen Woronesch angegriffen. Über der Stadt stiegen Rauchsäulen auf, der Gouverneur des Gebiets, Alexander Gussew, meldete Raketenalarm und sprach von drei Verletzten. Einen Treffer am Werk bestätigten die russischen Behörden zunächst nicht. Der Angriff reiht sich in eine ganze Serie ukrainischer Schläge gegen die russische Mikroelektronik ein.
Das Ziel: Chips für Raketen
Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs stellt das getroffene Werk Bauteile her, die direkt in hochpräzise Lenkwaffen einfließen. Die ukrainische Militäraufklärung ordnet dem Betrieb unter anderem Transistoren und Dioden für Marschflugkörper des Typs Kh-101, für das Boden-Boden-System Iskander sowie für das Flugabwehrsystem Pansir-S1 zu. „Die Produkte dieser Fabrik werden direkt vom Feind zur Herstellung hochpräziser gelenkter Waffen genutzt“, erklärte der Generalstab; deren Zerstörung werde Russlands Fähigkeit zur Raketenproduktion „erheblich beeinträchtigen“. Diese Wirkungsangaben stammen von ukrainischer Seite und lassen sich unabhängig nicht überprüfen.
Das Werk fertigt nach den vorliegenden Angaben vor allem gröbere Strukturen im Bereich von 180 Nanometern – also keine Spitzentechnik, aber robuste Leistungs- und Logikbauteile, wie sie Militärelektronik benötigt. Solche Chips lassen sich nicht kurzfristig ersetzen, weil sie spezifischen Zertifizierungen unterliegen.
Eine Serie von Angriffen
Woronesch ist kein Einzelfall. Im Verlauf der vergangenen Monate hat die Ukraine nach Recherchen von Newsweek mehrere Standorte der russischen Mikroelektronik ins Visier genommen – darunter das Werk Mikron im moskaunahen Selenograd, Russlands größten Hersteller von Halbleitern. Die eingesetzten Waffen reichen von in der Ukraine gebauten Langstreckendrohnen bis zu Marschflugkörpern; den genauen Typ des Woronesch-Angriffs konnte etwa der Kyiv Independent nicht unabhängig bestätigen. Die Angriffe gehören zu einer Strategie, mit der Kiew den militärisch-industriellen Komplex Russlands an seinen Engstellen treffen will – ähnlich wie bei den wiederholten Schlägen gegen Raffinerien.
Warum Halbleiter der wunde Punkt sind
Russland ist bei moderner Chiptechnik stark von Importen abhängig. Trotz westlicher Sanktionen gelangen Bauteile weiter ins Land – über Drittstaaten wie China, die Türkei oder Zentralasien. Untersuchungen fanden in einem einzigen Kh-101-Marschflugkörper Dutzende ausländische Komponenten, überwiegend von Herstellern aus den USA, Europa und Japan (CEPA). Die eigene Produktion gilt als Engpass: Mikron hat laut Branchenberichten Probleme, an westliche Fertigungsanlagen zu kommen.
Genau diese Verwundbarkeit macht die Halbleiterfertigung für die Ukraine zum lohnenden Ziel: Trifft sie die heimische Produktion, verschärft sie zugleich die ohnehin angespannte Versorgungslage der russischen Rüstung. Wie groß der tatsächliche Schaden in Woronesch ist, bleibt vorerst unklar. Die russische Seite schweigt bislang zu konkreten Treffern.



