Der Reiz der Ferne reicht offenbar bis in die Lohnabrechnung: Eine deutliche Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland spielt zumindest gedanklich mit dem Gedanken, im Ausland zu arbeiten. Das geht aus einer aktuellen Umfrage hervor, die das Marktforschungsinstitut Appinio im Auftrag der Jobplattform Indeed durchgeführt hat.

Zwei Drittel können sich den Schritt vorstellen

Für die Erhebung befragte Appinio nach Angaben der beteiligten Medien zwischen dem 8. und 11. Mai 2026 insgesamt 1.000 Erwerbstätige in Deutschland im Alter zwischen 16 und 66 Jahren, die Hälfte davon Frauen. Das Ergebnis ist deutlich: Rund zwei Drittel der Beschäftigten könnten sich vorstellen, im Ausland zu arbeiten. Bei einem Drittel bleibt es nicht beim Tagtraum – sie haben sich bereits konkret erkundigt, etwa zu Stellen oder Lebensbedingungen in anderen Ländern.

Besonders ausgeprägt ist die Wechselbereitschaft ausgerechnet bei jenen, denen es finanziell vergleichsweise gut geht. In Haushalten mit einem Nettoeinkommen von 6.000 Euro und mehr im Monat sucht laut Umfrage etwa die Hälfte aktiv nach einem Job jenseits der Grenze oder bewirbt sich bereits (Tagesspiegel).

USA, Großbritannien und die Schweiz vorn

Beim konkreten Wunschziel stehen drei Länder hoch im Kurs: die USA, Großbritannien und die Schweiz. Allerdings hat das Interesse an den Vereinigten Staaten zuletzt nachgelassen – ein Hinweis darauf, dass auch das politische Klima in den Zielländern eine Rolle spielt.

Wichtig ist dabei eine Einschränkung: Die große Mehrheit derjenigen, die mit einem Auslandsjob liebäugeln, will gar nicht für immer weg. Die gewünschte Dauer reicht von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren. Der Traum vom Ausland ist also häufiger ein Wunsch nach einer Etappe als nach endgültiger Auswanderung.

Es geht ums Geld – und um die Lebensqualität

Die Beweggründe sind handfest. Mehr als die Hälfte der Befragten nennt eine bessere Bezahlung und eine höhere Lebensqualität als Motiv. Mehr als 40 Prozent erhoffen sich zudem niedrigere Steuern und Abgaben. Klassische Karrieregründe spielen dagegen eine erstaunlich kleine Rolle: Nur rund ein Viertel führt bessere Aufstiegschancen an (Handelsblatt).

Damit zeichnet die Umfrage das Bild einer Belegschaft, die weniger nach dem nächsten Karrieresprung sucht als nach einem spürbar besseren Verhältnis von Aufwand und Ertrag.

Ein Warnsignal für Politik und Arbeitgeber

Für die Indeed-Volkswirtin Virginia Sondergeld ist das Ergebnis mehr als eine Momentaufnahme der Fernweh-Statistik. Wenn zwei Drittel der Beschäftigten über einen Wechsel ins Ausland nachdenken, sei das als Zeichen einer Unzufriedenheit mit den heimischen Arbeitsbedingungen zu verstehen, wird sie in den Berichten zitiert. Politik und Arbeitgeber sollten diese Signale ernst nehmen: Es brauche bessere Arbeitsbedingungen und neue Anreize, damit qualifizierte Kräfte einen echten Grund haben, in Deutschland zu bleiben.

Vor dem Hintergrund des bereits spürbaren Fachkräftemangels wiegt diese Botschaft schwer. Auch andere Regionalmedien wie die Westdeutsche Zeitung berichteten über die Ergebnisse der dpa-gestützten Meldung. Noch ist der Gedanke an den Auslandsjob für die meisten genau das: ein Gedanke. Doch die Umfrage macht deutlich, wie groß die latente Bereitschaft ist, dem deutschen Arbeitsmarkt zumindest zeitweise den Rücken zu kehren.