Lange galt generative KI als existenzielle Bedrohung für Getty Images. Nun macht der Bildvermarkter aus dem Gegner einen Geschäftspartner: Am 22. Juni 2026 kündigten Getty und OpenAI eine mehrjährige Vereinbarung an, durch die lizenzierte Bilder aus dem Getty-Bestand in ChatGPT angezeigt werden. Die Reaktion der Anleger fiel drastisch aus.

Was vereinbart wurde

Nach Angaben beider Unternehmen sollen Getty-Bilder in den Such- und Entdeckungsfunktionen von ChatGPT auftauchen – mit angehängter Quellen- beziehungsweise Urhebernennung (Engadget). Entscheidend ist, was der Deal ausdrücklich nicht umfasst: Die Bilder dienen der Anzeige, nicht dem Training der KI-Modelle und auch nicht der Erzeugung neuer Bilder. OpenAI lizenziert also Inhalte zur Darstellung, nicht als Lernmaterial (heise online). Finanzielle Konditionen nannten beide Seiten nicht; Branchenbeobachter vermuten wegen des eng begrenzten Anwendungszwecks eher eine niedrige Lizenzgebühr.

Die Börsenreaktion

Die Getty-Aktie war zuvor zur Penny-Aktie verkommen und seit Wochen unter der Ein-Dollar-Marke gehandelt. Mit der Ankündigung schoss der Kurs nach oben: Berichten zufolge stieg er von rund 0,61 US-Dollar in der Spitze um deutlich über 100 Prozent, bevor er sich beruhigte und mit einem Aufschlag von rund 90 bis gut 100 Prozent schloss. Eine Verdopplung gab es somit zumindest im Tagesverlauf; die genaue Schlusszahl variiert je nach Quelle. Der Kontext: Vom Allzeithoch von 37,88 Dollar (2022) hatte die Aktie rund 98 Prozent verloren – maßgeblich befeuert durch die KI-Bildgeneratoren.

Lizenzieren statt klagen – und die Ironie

Der Deal steht sinnbildlich für einen Strategiewechsel: Getty positioniert sich als Rechteinhaber, der KI-Nutzung monetarisiert, statt sie nur vor Gericht zu bekämpfen. Bereits im Oktober 2025 hatte das Unternehmen eine ähnliche Vereinbarung mit Perplexity geschlossen.

Die Ironie: Parallel führt Getty einen erbitterten Urheberrechtsstreit gegen Stability AI, dem es vorwirft, Millionen Bilder ohne Lizenz fürs Modelltraining kopiert zu haben. Im November 2025 wies der Londoner High Court die zentralen Copyright-Ansprüche jedoch weitgehend ab – unter anderem, weil das Training nicht in Großbritannien stattfand; lediglich eine begrenzte Markenrechtsverletzung wurde festgestellt (Pinsent Masons). Getty kämpft also auf zwei Spuren: Lizenzgeschäft mit den einen, Klage gegen die anderen.

Bedeutung für Fotografen

Getty verweist auf einen Bestand von über 600.000 Urhebern. Wie diese am OpenAI-Geschäft beteiligt werden, ließen beide Unternehmen offen. Für den entstehenden KI-Lizenzmarkt setzt der Deal dennoch ein Signal: Lizenzierte, attributierte Inhalte könnten KI-Antworten vertrauenswürdiger machen – und Rechteinhabern eine Einnahmequelle erschließen, die ihnen die KI-Welle zuvor zu nehmen drohte.