Der Mann, der nie einen Schrebergarten hatte
Die schönste Pointe der Geschichte: Der Namensgeber hat den Schrebergarten nie gesehen. Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808–1861) war ein Leipziger Arzt und Orthopäde, besessen von der Idee, dass Stadtkinder im Zuge der Industrialisierung zu wenig Bewegung und frische Luft bekämen. Mit Gärten hatte er zu Lebzeiten herzlich wenig zu tun.
Erst nach seinem Tod, im Jahr 1864, gründete der Leipziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild zu seinen Ehren den ersten „Schreberverein". Der dazugehörige Platz war zunächst schlicht eine Wiese – ein Spielplatz für Kinder. Erst als ein findiger Lehrer dort kleine Beete anlegte und das kindliche Interesse am Buddeln rasch erlahmte, übernahmen die Eltern. Aus „Kinderbeeten" wurden „Familienbeete", diese wurden eingezäunt, parzelliert – und der Schrebergarten war geboren (Leipzig-Lese).
Vom Notgarten zur Speisekammer der Nation
Das Timing war kein Zufall. Die Industrialisierung trieb Massen vom Land in enge, dunkle Mietskasernen. Der Kleingarten wurde zur Armenhilfe und Selbstversorgung: ein Stück Erde, auf dem Arbeiterfamilien Kartoffeln, Kohl und Bohnen zogen. In beiden Weltkriegen und der Nachkriegszeit wurde aus der netten Beigabe blanke Überlebensnotwendigkeit – die Laube als Speisekammer. Erst mit dem Wirtschaftswunder kippte die Funktion: Aus dem Nutzgarten wurde ein Erholungsgarten, Liegestuhl statt Kartoffelacker. Der Schrebergarten wurde zum Inbegriff spießiger Wochenend-Gemütlichkeit – und damit zum Ziel von Spott.
Drittelregel, Lauben-Maß und das Gesetz
Was viele nicht wissen: Der deutsche Kleingarten ist juristisch streng definiert. Das Bundeskleingartengesetz (BKleingG) von 1983 schreibt vor, dass ein Garten „kleingärtnerisch" genutzt werden muss. Die berühmte Drittelregel verlangt, dass mindestens rund ein Drittel der Fläche dem Anbau von Obst und Gemüse für den Eigenbedarf dient – ein reiner Ziergarten ist kein Kleingarten (mietrecht.com). Die Laube darf höchstens 24 Quadratmeter Grundfläche samt überdachtem Freisitz haben und ist nicht zum Dauerwohnen gedacht. Im Gegenzug bleibt die Pacht günstig – genau dieser soziale Auftrag rechtfertigt die Privilegien und die Regeln.
Heckenhöhe, Gartenordnung und das Vereinsleben
Apropos Regeln: Hier wird es augenzwinkernd deutsch. Die Gartenordnung des jeweiligen Vereins kann erstaunlich detailfreudig sein – von der zulässigen Heckenhöhe über Ruhezeiten bis zur Frage, welcher Baum gepflanzt werden darf. Doch das Klischee verkennt den Kern: Der Verein ist gelebte Gemeinschaft. Rund 900.000 Kleingärten gibt es in Deutschland, organisiert in tausenden Vereinen unter dem Dach des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde.
Die Rückkehr der Sehnsucht
Und nun das Überraschende: Der einst belächelte Schrebergarten ist wieder gefragt. Junge Familien und Großstädter entdecken die Parzelle neu – als bezahlbares Stück Natur in unbezahlbar gewordenen Städten, als Gegenentwurf zur Bildschirm-Erschöpfung. In Berlin und anderen Metropolen sind die Wartelisten entsprechend lang. Getragen wird der Trend von Urban Gardening, dem Wunsch nach eigenem, unbespritztem Gemüse – und zunehmend vom Naturschutz: Kleingartenanlagen sind grüne Inseln in versiegelten Städten, Refugien für Insekten und Vögel, klimatische Kühlzonen. Aus der Armenhilfe des 19. Jahrhunderts ist so ein doppelter Sehnsuchtsort geworden: nach Rückzug und nach Verantwortung für die Natur.



