Wer 2025 ein wirklich teures Gemälde erworben hat, wurde dabei womöglich von niemandem gesehen. Kein Saal, kein Hammerschlag, keine Pressemeldung mit Rekordsumme. Stattdessen: ein Telefonat, eine geschlossene App, ein Vertrag unter vier Augen. Der Kunstmarkt, lange ein Schauplatz öffentlicher Inszenierung, macht sich an seiner Spitze unsichtbar.
Die Zahlen hinter dem Rückzug
Die Verschiebung lässt sich beziffern. Christie's wickelte 2025 nach eigenen Angaben Kunst im Wert von rund 1,5 Milliarden Dollar privat ab – fast ein Viertel des globalen Umsatzes und gut 700 Millionen mehr als 2019. Sotheby's kam auf etwa 1,2 Milliarden Dollar an Privatverkäufen. Bemerkenswert: Alle drei teuersten Gemälde, die Christie's 2025 verkaufte, gingen privat über den Tisch – ohne dass Details öffentlich wurden.
Dieser Trend ist kein Strohfeuer. Schon 2024, in einem schwachen Marktjahr, brachen die öffentlichen Auktionsumsätze laut dem Art Basel & UBS Global Art Market Report um 25 Prozent ein, während die Privatverkäufe der Häuser zulegten. Für 2025 meldet der Folgereport eine teilweise Gegenbewegung: Öffentliche Auktionen erholten sich um neun Prozent auf 20,7 Milliarden Dollar. Der Gesamtmarkt wuchs um vier Prozent auf 59,6 Milliarden Dollar – und liegt damit weiter unter dem Vor-Pandemie-Niveau.
Warum die Diskretion gewinnt
Die offizielle Erholung der Auktionen täuscht über einen strukturellen Befund hinweg: Das Spitzensegment scheut das Rampenlicht. Sammler schätzen an privaten Deals die Preiskontrolle, das flexible Timing und vor allem die Vertraulichkeit. In unsicheren Marktphasen ist die öffentliche Auktion ein Risiko – ein Werk, das den erhofften Zuschlag verfehlt, gilt anschließend als „verbrannt“. Der Privatverkauf kennt dieses Stigma nicht.
Hinzu kommt eine gesellschaftliche Dimension. „Die Leute wollen nicht dabei gesehen werden, wie sie sehr teure Kunst kaufen oder verkaufen, in einem Umfeld, in dem die Kluft zwischen Arm und Reich so groß ist“, zitiert ARTnews den Londoner Kunstberater Hugo Nathan. Diskretion ist also nicht nur Geschäftslogik, sondern auch Image-Politik.
Was im Schatten verloren geht
Der Preis dieser Verschwiegenheit ist die Transparenz. Über zwei Jahrzehnte bewegte sich der Kunstmarkt in Richtung mehr Öffentlichkeit und Datenklarheit. Der Boom der Private Sales kehrt diese Richtung um. Verlässliche Preisdaten liefert bislang nur der Sekundärmarkt der öffentlichen Auktionen; der Primärmarkt der Galerien war schon immer eine Blackbox. Wandern nun auch die Spitzenwerke ins Private ab, erzählen Marktreports nur noch die halbe Wahrheit.
Das trifft nicht nur Statistiker. Provenienzforschung, Echtheitsdebatten und die kunsthistorische Nachverfolgung wichtiger Werke leben von dokumentierten Eigentümerwechseln. Verschwindet ein Meisterwerk diskret in einer Privatsammlung, kann es für Jahrzehnte aus dem öffentlichen Wissen verschwinden. Artnet spricht treffend vom „Dark Mode“ des Kunsthandels.
Die Ironie: Gerade weil Kunst als Anlageklasse erwachsen geworden ist, zieht sie sich vor den Augen der Öffentlichkeit zurück. Wo Geld und Geschmack sich treffen, gilt am oberen Ende offenbar wieder die älteste Regel des Sammelns – Stillschweigen.



