Wenn ein Schriftsteller einen ganzen Erzählkosmos um eine einzige Stadt baut, dann ist es bei ihm Damaskus. Am 23. Juni 2026 wird Rafik Schami 80 Jahre alt – einer der meistübersetzten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, der die mündliche Erzähltradition des Orients in die deutsche Literatur einschrieb. Zum Jubiläum überwiegt bei ihm aber nicht der Stolz auf das Werk, sondern die Sorge um das Land seiner Kindheit, wie der Tagesspiegel berichtet.

Vom Wandzeitungsmacher zum Doktor der Chemie

Geboren wurde Schami am 23. Juni 1946 in Damaskus, als Sohn einer christlich-aramäischen Familie. Sein bürgerlicher Name ist Suheil Fadél; das Pseudonym „Rafik Schami“ bedeutet sinngemäß „Freund aus Damaskus“. In der Altstadt gründete der junge Schami in den 1960er-Jahren eine handgeschriebene Wandzeitung – ein erster Konflikt mit der Zensur.

1971 verließ er Syrien und kam nach West-Deutschland, auch um Zensur und Militärdienst zu entgehen (Wikipedia). In Heidelberg promovierte er 1979 in Chemie. Sein Deutsch verbesserte er auf ungewöhnliche Weise: Er schrieb Werke von Thomas Mann, Heinrich Heine und Kurt Tucholsky per Hand ab (Tagesspiegel).

Erzähler der Nacht

Den literarischen Durchbruch in der breiten Öffentlichkeit brachte ihm das stark autobiografisch grundierte Familienepos „Die dunkle Seite der Liebe“ (2004). Zuvor hatte er sich mit Büchern wie „Eine Hand voller Sterne“ (1987) und vor allem „Erzähler der Nacht“ (1989) einen Namen gemacht. Letzteres knüpft kunstvoll an die Tradition von „Tausendundeiner Nacht“ an (Hanser Literaturverlage).

Schamis Bücher sind in rund 30 Sprachen übersetzt; allein bei seinem Taschenbuchverlag dtv war die Millionengrenze an verkauften Exemplaren bereits Anfang 2005 überschritten (Wikipedia). Heute lebt der Autor in Rheinland-Pfalz.

„Leider nein“

Der Sturz des Assad-Regimes hätte für viele Exil-Syrer das Signal zur Heimkehr sein können. Auf die Frage, ob die Veränderungen ihm Hoffnung auf eine Rückkehr machten, antwortet Schami knapp: „Leider nein.“ Seine Sorge gilt vor allem den religiösen Minderheiten – islamistische Gruppen würden immer wieder Christen belästigen, während die Regierung zuschaue, so der Autor sinngemäß (Tagesspiegel).

So bleibt Damaskus für den 80-Jährigen das, was es immer war: literarische Heimat und politische Wunde zugleich. Der „Erzähler der Nacht“ hat aus der Ferne ein ganzes Werk über seine Stadt geschrieben – und schaut doch mit banger Sorge auf ihre Gegenwart.