Eine geplante Reform der Minijobs entzweit Deutschland: Während eine Regierungskommission die geringfügige Beschäftigung weitgehend abschaffen und in reguläre, sozialversicherungspflichtige Jobs überführen will, warnt die Wirtschaft vor dramatischen Folgen für den Arbeitsmarkt.

Was die Kommission vorschlägt

Der Vorstoß stammt aus der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission, die ihr Reformpaket mit rund 30 Einzelvorschlägen präsentiert hat. Kern des Minijob-Plans: Die heute weitgehend sozialabgabenfreie geringfügige Beschäftigung soll künftig nur noch für Studierende, Auszubildende, Schüler und Rentner abgabenfrei bleiben. Alle anderen Minijobber würden in voll sozialversicherungspflichtige Stellen überführt (ad-hoc-news).

In Deutschland arbeiten derzeit rund 6,8 Millionen Menschen in Minijobs. Nach Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) wären von der Umwandlung rund vier Millionen Beschäftigte unmittelbar betroffen.

Scharfe Kritik aus der Wirtschaft

Die wuchtigste Warnung kommt vom Handelsverband Deutschland (HDE). Hauptgeschäftsführer Stefan Genth sagte, der Vorschlag „vernichtet Hunderttausende Jobs im Einzelhandel“. Viele Minijobber könnten wegen Kinderbetreuung oder anderer Verpflichtungen schlicht nicht in Vollzeit arbeiten – fielen die Minijobs weg, gingen die Stellen ganz verloren (WLZ-Online). Die Zahl der „Hunderttausende“ Jobs bezieht sich damit konkret auf den Einzelhandel und stammt vom HDE, nicht aus einer amtlichen Prognose.

Auch Ökonomen warnen. Der Schattenwirtschaftsforscher Friedrich Schneider rechnet damit, dass die Schwarzarbeit bei einer Abschaffung der Minijobs deutlich zunimmt. Er verweist darauf, dass die Einführung der Minijobs Anfang der 2000er-Jahre die Schwarzarbeit spürbar reduziert habe; eine Rolle rückwärts könnte den Effekt umkehren (klamm.de).

Was die Reform bringen soll

Befürworter setzen auf Mehreinnahmen und höhere soziale Absicherung. Laut IWH würde die Umwandlung der Minijobs zusätzliche Sozialversicherungseinnahmen in Milliardenhöhe erbringen – allerdings zulasten der Nettoeinkommen der Betroffenen, die die Forscher mit rund 130 Euro pro Monat beziffern. Wichtig: Der Gesamteffekt auf die Beschäftigung sei „unklar“, da der Wegfall der Verdienstgrenze manche Beschäftigte auch zu mehr Arbeitsstunden motivieren könnte. Die Berechnungen erfolgten ohne gesamtwirtschaftliche Rückkopplungseffekte (IWH).

Gewerkschaften begrüßen den Vorstoß

Rückendeckung erhält die Kommission von den Gewerkschaften. Verdi-Chef Frank Werneke unterstützt die Abschaffung und argumentiert, die Beschäftigungsform führe „millionenfach“ in eine „vorprogrammierte Altersarmut“ – betroffen seien vor allem Frauen, die oft jahrzehntelang nur in Minijobs arbeiteten und so keine eigenständigen Rentenansprüche aufbauen (WLZ-Online).

Ein Konflikt mit offenem Ausgang

Die Debatte verläuft entlang einer klaren Bruchlinie: Arbeitgeber und einige Ökonomen sehen einen flexiblen Arbeitsmarktbaustein bedroht und fürchten Jobverluste sowie mehr Schwarzarbeit. Gewerkschaften und Reformbefürworter wollen prekäre, rentenfeindliche Beschäftigung zurückdrängen. Ob die Vorschläge tatsächlich Gesetz werden, ist offen – die endgültige politische Entscheidung steht noch aus.