Der diesjährige Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft geht an die Ärztin und Zellbiologin Sara Wickström. Sie ist Direktorin an einem Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster und forscht zugleich an der Universität Helsinki. Ausgezeichnet wird sie für Arbeiten, die ein ganzes Forschungsfeld mitbegründet haben: die Mechanobiologie des Zellkerns.
Wenn Zellen Kräfte fühlen
Lange galt: Zellen verständigen sich vor allem über chemische Botenstoffe – Hormone, Signalmoleküle, Nährstoffe. Wickström zeigte, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Zellen nehmen auch mechanische Reize wahr: Sie spüren, ob sie gedehnt, gequetscht oder gezogen werden. Fachleute sprechen von Mechanosensing.
Das Bemerkenswerte ist, was danach passiert. Physikalische Kräfte werden im Inneren der Zelle bis zum Erbgut weitergeleitet. Dort verändern sie, wie dicht die DNA verpackt ist – und entscheiden so mit, welche Gene an- oder abgeschaltet werden. Eine Zelle, die unter Spannung steht, liest also andere Teile ihres genetischen Bauplans ab als eine entspannte Zelle. Man kann sich das wie einen Tastsinn auf zellulärer Ebene vorstellen: Jede Zelle ertastet ständig ihre Umgebung und passt ihr Verhalten an die physikalischen Bedingungen an.
Warum das wichtig ist
Dieses Wechselspiel aus Kraft und Genaktivität ist für den Körper grundlegend. Es steuert mit, wie sich Gewebe und Organe während der Entwicklung formen – warum aus einer Ansammlung gleichartiger Zellen geordnete Strukturen mit der richtigen Größe und Form entstehen. Und es ist entscheidend dafür, wie sich Gewebe nach einer Verletzung repariert: Wundheilung funktioniert nur, wenn Zellen erkennen, wo Zug oder Lücken bestehen.
Besonders brisant ist die Verbindung zur Krebsforschung. Tumorgewebe ist oft auffällig verändert in seiner mechanischen Beschaffenheit – häufig steifer als gesundes Gewebe. Verstehen Forschende, wie Zellen solche Veränderungen wahrnehmen und in Genprogramme übersetzen, eröffnen sich neue Ansatzpunkte, um zu erklären, warum Krebszellen wuchern, wandern oder Metastasen bilden. Wickströms Arbeitsgruppe untersucht unter anderem Stammzellen und bestimmte Hautkrebsformen.
Hintergrund: der Körber-Preis
Der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft wird jährlich von der Hamburger Körber-Stiftung vergeben. Er zählt mit einer Dotierung von einer Million Euro zu den höchstdotierten Wissenschaftspreisen Europas; verliehen wird er im September 2026 in Hamburg. Ausgezeichnet werden herausragende, in Europa tätige Forscherinnen und Forscher, deren Arbeiten besonderes Anwendungspotenzial versprechen. Mehrere frühere Preisträger wurden später mit dem Nobelpreis geehrt – der Körber-Preis gilt daher auch als Frühindikator für bahnbrechende Forschung.



