Der Hunger der künstlichen Intelligenz nach Strom treibt Microsoft zu einem ungewöhnlichen Schritt: Statt auf das öffentliche Stromnetz zu warten, baut der Konzern in Texas einen gigantischen KI-Campus mit einem eigens dafür errichteten Gaskraftwerk. Den Brennstoff und die Turbinen liefert ausgerechnet ein Öl- und Gasriese.
Was geplant ist
Microsoft errichtet im westtexanischen Pecos (Reeves County), mitten im Förderrevier des Permian Basin, einen neuen Rechenzentrums-Campus. Über die nächsten fünf bis sieben Jahre soll dort eine Rechenleistung mit einem Strombedarf von rund zwei Gigawatt entstehen – eine der größten Einzelerweiterungen in der Geschichte des Konzerns. Versorgt wird der Campus von einem direkt daneben gebauten Gaskraftwerk.
Als Partner agiert der Energiekonzern Chevron, der laut eigener Mitteilung einen Stromliefervertrag über 20 Jahre unterzeichnet hat. Chevron betreibt das Kraftwerk und bezieht das Erdgas aus dem benachbarten Permian Basin; die Turbinen kommen unter anderem von GE Vernova. Erster Strom wird für 2028 erwartet, danach soll die Anlage modular hochgefahren werden. Microsoft beziffert das Vorhaben als Milliardeninvestition mit über 6.000 Arbeitsplätzen auf dem Höhepunkt der Bauphase und mehreren Hundert dauerhaften Stellen.
Hintergrund: Der Stromhunger der KI
Das Vorhaben ist ein Symptom des globalen KI-Booms. Training und Betrieb großer KI-Modelle verschlingen enorme Mengen Strom – ein einzelner moderner KI-Campus kann so viel verbrauchen wie eine Großstadt. Das öffentliche Netz, vor allem das texanische ERCOT-Netz, kommt mit dem Tempo des Ausbaus nicht hinterher: Neuanschlüsse großer Lasten dauern oft Jahre.
Microsoft und seine Konkurrenten umgehen dieses Problem zunehmend, indem sie eigene Kraftwerke „hinter dem Zähler" bauen. Der Campus läuft deshalb zunächst weitgehend autark, soll aber langfristig auch ans öffentliche Netz angebunden werden. Microsoft betont, eine geschlossene Kühlung halte den Frischwasserverbrauch sehr niedrig, und verspricht, die lokalen Strompreise nicht zu erhöhen.
Ein heikles Spannungsfeld
Damit gerät Microsoft in Konflikt mit den eigenen Klimazielen. Der Konzern hat sich verpflichtet, bis 2030 CO₂-negativ zu werden. Ein neues, fossiles Gaskraftwerk mit jahrzehntelanger Laufzeit konterkariert dieses Ziel und zementiert über lange Zeit Erdgas-Emissionen. Dass ausgerechnet ein Ölkonzern wie Chevron zum Stromlieferanten eines Software-Riesen wird, zeigt zugleich, dass saubere Quellen wie Wind, Solar oder Geothermie kurzfristig nicht in der benötigten Menge und Verlässlichkeit verfügbar sind. Erdgas gilt als schnell skalierbare „Brückentechnologie" – mit dem Risiko, dass aus der Brücke eine Dauerlösung wird.
Einordnung
Der Deal zeigt, wie tief die KI-Industrie inzwischen mit der fossilen Energiewirtschaft verflochten ist. Gleichzeitig wächst der lokale Widerstand: In Texas und anderswo formiert sich Protest gegen Rechenzentren, die als Treiber steigender Strompreise und als Wasserverbraucher wahrgenommen werden. Ob sich KI-Wachstum und Klimaziele versöhnen lassen, bleibt die offene Kernfrage – das Projekt in Pecos liefert vorerst eine ernüchternde Antwort: Im Zweifel gewinnt die Rechenleistung.



