Der Gedanke ist schnell gefasst, die Umsetzung selten: Ein neuer Job in der Schweiz, ein Bürofenster mit Blick aufs Meer, weniger Steuern und mehr Netto. Eine im Juni 2026 veröffentlichte Umfrage legt offen, wie verbreitet dieses Fernweh unter deutschen Beschäftigten inzwischen ist – und wie deutlich der Traum von der Realität abweicht.
Zwei Drittel liebäugeln mit dem Ausland
Für das Jobportal Indeed befragte das Marktforschungsinstitut Appinio Anfang Mai 2026 insgesamt 1.000 Beschäftigte in Deutschland. Das Ergebnis: Rund zwei Drittel können sich vorstellen, auch außerhalb Deutschlands zu arbeiten. Etwa ein Drittel hat sich bereits konkret informiert.
Als gefragteste Zielländer nennt die Umfrage die USA, Großbritannien und die Schweiz – wobei das Interesse an den USA zuletzt rückläufig gewesen sein soll. Die wichtigsten Motive: bessere Bezahlung und eine bessere Lebensqualität, die jeweils von mehr als der Hälfte der Befragten genannt wurden. Mehr als 40 Prozent erhoffen sich zudem eine geringere Steuer- und Abgabenlast.
Eine zweite Studie bestätigt das Fernweh
Einen ähnlichen Befund liefert die Auslandsjob.de-Studie 2025/2026, für die rund 1.588 Personen befragt wurden. Dort gaben 32,9 Prozent an, dauerhaft auswandern zu wollen, weitere 21,3 Prozent planen einen Aufenthalt von mehr als einem Jahr. Auffällig: Hier stehen weniger Geld, sondern das Kennenlernen neuer Kulturen und Sprachen sowie eine bessere Work-Life-Balance im Vordergrund. Die meistgenannten Wunschziele dieser Befragung waren Spanien, Portugal und Italien. Dass es nicht nur ein Thema der Jugend ist, zeigt dieselbe Studie: Rund 34,8 Prozent der Auswanderungswilligen waren älter als 40 Jahre.
Wunsch und Wirklichkeit
So groß das Fernweh, so überschaubar bleibt die tatsächliche Abwanderung. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes wanderten 2024 rund 270.000 Deutsche aus – das entsprach etwa 21 Prozent aller Fortzüge aus Deutschland (Mediendienst Integration). Die tatsächlich gewählten Ziele unterscheiden sich von den Wunschlisten: An der Spitze standen die Schweiz, gefolgt von Österreich, den USA, Spanien und Frankreich.
Wer geht, ist dabei keineswegs ein Querschnitt der Bevölkerung. Auswertungen der Migrationsforschung zeigen, dass deutsche Auswanderinnen und Auswanderer überdurchschnittlich jung und hoch qualifiziert sind: Rund zwei Drittel sind unter 40, und etwa drei Viertel verfügen über einen Hochschulabschluss. Genau das macht die Zahlen für den Standort heikel, denn unter dem Strich verlassen mehr Deutsche das Land, als zurückkehren.
Mehr Gedankenspiel als Aufbruch
Die Umfragen zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die viel über das Auswandern nachdenkt, aber nur in kleinen Teilen handelt. Zwei Drittel „können sich vorstellen“ zu gehen – tatsächlich packen weit weniger die Koffer. Das Fernweh ist real, doch für die meisten bleibt es ein Gedankenspiel über das Leben, das man auch hätte führen können.



