Igor Levit, einer der prägenden Pianisten seiner Generation, gründet ein eigenes Plattenlabel. Es trägt den programmatischen Namen „No Silence“ und entsteht als Gemeinschaftsunternehmen mit Sony Classical – jenem Haus, bei dem Levit seit seinem Debütalbum unter Vertrag steht. Die Ankündigung begleitete der 39-Jährige mit einem Satz, der das Vorhaben rahmt: Kultur habe heute viel zu oft keinen Platz mehr. Das Label soll ein solcher Platz werden (MusikWoche).
Ein Name als Haltung
„No Silence ist nicht einfach Label, No Silence ist Haltung“, sagt Levit. „Für Schönheit, für Mut, gegen Konformismus, gegen Extremismus, für Menschlichkeit.“ Der Name ist kein Marketing-Einfall, sondern hat eine konkrete Vorgeschichte. Er geht zurück auf die Aktion „Gegen das Schweigen, gegen Antisemitismus“, die Levit gemeinsam mit dem Publizisten Michel Friedman nach dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Hamas-Massakers in Israel, ins Leben rief. Aus dem Impuls jener Wochen ist nun eine dauerhafte Struktur geworden (Salzburger Nachrichten / APA).
Levit formuliert seinen Anspruch betont kämpferisch. „Ich will Flamme machen“, sagte er der Austria Presse Agentur zufolge – das Projekt solle aufregend und bedeutsam sein, nicht dekorativ. Das Label versteht sich ausdrücklich als offen für alle Generationen und Genres und will andere Musikerinnen und Musiker dabei unterstützen, ihr eigenes Werk so selbstbewusst wie möglich in die Welt zu tragen. Statt Bedingungen zu diktieren, beschreibt Levit seine Rolle als die eines Ermöglichers.
Die ersten Veröffentlichungen
Das Label startet nicht mit einem Paukenschlag der Eitelkeit, sondern mit einem Mischprogramm. Drei Alben erscheinen am 23. Oktober 2026, wie Der Standard und die MusikWoche berichten: das Debütalbum des Wiener Pianisten Lukas Sternath mit Werken von Liszt und Schubert; Levits eigene Aufnahme von Franz Liszts Klavierbearbeitung von Beethovens dritter Sinfonie, der „Eroica“, kombiniert mit Schönbergs „Ode an Napoleon“; sowie eine besondere Edition von Erik Saties „Vexations“. Letztere erscheint als limitierte Auflage von 840 Exemplaren – eine Zahl, die auf die berüchtigten 840 Wiederholungen des Stücks anspielt.
Bemerkenswert ist, dass Levit die erste Veröffentlichung nicht sich selbst, sondern einem Nachwuchspianisten widmet – ein Signal, dass „No Silence“ tatsächlich als Förderplattform gemeint ist. Dass ein etablierter Künstler ein eigenes Label gründet und dabei einen Major-Konzern als Vertriebspartner behält, ist dabei klassisches Joint-Venture-Kalkül: Levit gewinnt kreative Kontrolle, ohne auf die Infrastruktur und Reichweite von Sony Classical zu verzichten.
Mehr als Tonträger
Levit denkt das Projekt größer als ein reines Plattenlabel. Geplant sind perspektivisch ein Festival, eine Akademie und ein Förderprogramm unter demselben Dach (MusikWoche). Damit fügt sich die Gründung in eine Künstlerbiografie, die musikalische Exzellenz und öffentliches Engagement seit Jahren eng verzahnt. Der 1987 im russischen Nischni Nowgorod geborene und 1995 mit seiner Familie nach Deutschland übergesiedelte Pianist hat sich nie auf die Rolle des unpolitischen Virtuosen zurückgezogen. Er mischt sich in gesellschaftliche Debatten ein und wurde gerade dafür ebenso gefeiert wie angefeindet.
Vor diesem Hintergrund liest sich das Label als logische Konsequenz. Wenn Kultur, wie Levit beklagt, immer öfter keinen Platz mehr finde, dann ist „No Silence“ der Versuch, diesen Platz selbst zu schaffen – als Struktur, die bleibt, wenn die Aufregung des Tages verflogen ist. Ob aus der Flamme ein dauerhaftes Feuer wird, entscheidet sich von Oktober an.



