Seit der Einführung des iPhones im Jahr 2007 ist die Geburtenrate in den USA und vielen Industrieländern deutlich gesunken. Eine neue Arbeit greift diesen zeitlichen Zusammenhang auf – und löst damit eine kontroverse Diskussion aus, wie heise online berichtet.
Was die Studie untersucht hat
Hinter der Arbeit stehen die Ökonomin Caitlin Myers und ihr Co-Autor Ezekiel Hooper vom Middlebury College in Vermont. Die Studie erschien als Arbeitspapier des National Bureau of Economic Research (NBER) und ist damit ein noch nicht abschließend begutachteter Vorabdruck. Der methodische Kniff: Die Forschenden nutzten die Zeitspanne von 2007 bis 2011, in der Apple das iPhone in den USA exklusiv über den Mobilfunkanbieter AT&T verkaufte. Sie verglichen Regionen mit früher und guter AT&T-Abdeckung mit solchen, in denen das iPhone später oder schlechter verfügbar war. Die zentrale Behauptung: Die Verbreitung des iPhones erkläre rund ein Drittel bis gut die Hälfte (33 bis 52 Prozent) des Geburtenrückgangs im untersuchten Zeitraum.
Welche Mechanismen vermutet werden
Einen direkten kausalen Pfad liefert die Studie nicht, aber sie nennt mögliche Wirkungswege. Smartphones könnten reale soziale Kontakte und gemeinsam verbrachte Zeit verdrängen, die Partnersuche verändern und zu mehr Isolation führen. Die Autoren verweisen außerdem auf einen gestiegenen Konsum von Pornografie sowie auf leichteren Zugang zu Informationen über Verhütung. In der Summe: weniger Sex, veränderte Prioritäten, andere Lebensgestaltung.
Der entscheidende Vorbehalt: Korrelation ist keine Kausalität
So griffig die These klingt – sie ist mit großer Vorsicht zu lesen. Eine zeitliche Überschneidung beweist keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Geburtenraten sinken in vielen Gesellschaften seit Jahrzehnten, lange vor jedem Smartphone. Treiber sind unter anderem bessere Bildung und Erwerbsbeteiligung von Frauen, zuverlässige Verhütung, gestiegene Lebenshaltungs- und Wohnkosten, wirtschaftliche Unsicherheit nach der Finanzkrise 2008 sowie ein tiefgreifender Wertewandel.
Kritiker weisen zudem auf ein methodisches Risiko hin: Regionen mit früher AT&T-Abdeckung könnten sich systematisch von anderen unterscheiden – etwa wirtschaftlich oder demografisch – und damit unabhängig vom iPhone einen schnelleren Geburtenrückgang aufweisen. Auffällig ist auch, dass die Autoren bei schwarzen Frauen keinen signifikanten Effekt fanden, was die Studie selbst nicht schlüssig erklärt. Und der Untersuchungszeitraum endet 2011, bevor Android-Geräte den Markt dominierten (NPR).
Einordnung
Die Arbeit ist als Anstoß wertvoll, weil sie eine ernsthafte Frage stellt: Verändern Smartphones unser Beziehungs- und Sexualverhalten messbar? Vom alarmistischen Schluss, das iPhone sei die Ursache des Geburtenrückgangs, ist die Forschung jedoch weit entfernt. Plausibler ist, dass das Smartphone allenfalls einer von vielen Faktoren ist – einer, der bestehende gesellschaftliche und ökonomische Trends womöglich verstärkt, aber sicher nicht im Alleingang auslöst. Bis eine Begutachtung durch Fachkollegen vorliegt, bleibt die Zahl von bis zu 52 Prozent eine starke Schätzung mit ebenso starken Einschränkungen.



