Der gläserne Gefechtsstand
Mit dem Krieg in der Ukraine hat sich das moderne Gefecht grundlegend verändert. Kleine und kleinste Drohnen überwachen heute fast lückenlos die gesamte Front – Fachleute sprechen vom „gläsernen Gefechtsfeld". Kaum eine Bewegung bleibt dem Gegner verborgen, und die Gefahr eines tödlichen Angriffs aus der Luft ist für Soldaten ein ständiger Begleiter. Drohnen erfüllen dabei mehrere Rollen zugleich: Sie klären auf, markieren Ziele für Artillerie, schlagen als ferngesteuerte FPV- oder Kamikaze-Drohnen selbst zu und müssen zugleich abgewehrt werden. Für eine Bundeswehr, die laut Verteidigungsministerium „kriegstüchtig" werden soll, ist das eine doppelte Lehre: Drohnen sind Bedrohung und Schlüsselfähigkeit gleichermaßen.
Womit die Bundeswehr heute kämpft
In der Aufklärung setzt die Truppe auf große Systeme der MALE-Klasse: die geleaste Heron 1 und die German Heron TP, die über 24 Stunden in der Luft bleiben kann und – anders als frühere deutsche Drohnen – bewaffnet werden kann. Hinzu kommen kleinere Systeme wie LUNA, KZO, die handflächengroße Black Hornet sowie Quadrocopter zur Minen- und Sprengfallensuche. Die multinationale Eurodrohne soll erst Anfang der 2030er Jahre folgen.
Neu im Arsenal ist die „Loitering Munition" – herumlungernde Munition, die über dem Ziel kreist und dann zuschlägt. Im Februar 2026 unterzeichnete das Beschaffungsamt BAAINBw erste Verträge mit Helsing, STARK und Rheinmetall; die Systeme sollen unter anderem die Panzerbrigade 45 in Litauen ausstatten.
Die offenen Lücken
Trotz rund 600 Drohnen im Bestand bleiben erhebliche Defizite. Der Reservistenverband beschreibt eine „drohnenarme Armee": zu wenige Bodenkontrollstationen, fehlende einheitliche Einsatzrichtlinien und keine ausreichende Aufklärungsreichweite für die von Divisionen geforderte Tiefe von rund 150 Kilometern – eine Lösung wird nicht vor 2029 erwartet. Besonders auffällig: Bei den in der Ukraine so wirkungsvollen FPV-Kampfdrohnen verfolgt die Bundeswehr derzeit keine Pläne zum Einsatz, beschafft aber ab 2025 rund 1.000 handelsübliche Kleindrohnen. Eine eigene Drohnen-Truppengattung ist laut Ministerium aktuell nicht geplant.
Wettlauf um die Abwehr
Gegen feindliche Drohnen verfügt die Truppe über Systeme wie ASUL und einen schultergestützten Effektor zum Schutz von Feldlagern. Russische Lancet-Loitering-Munition kann die Bundeswehr nach diesen Berichten zwar orten, aber noch nicht zuverlässig bekämpfen.
Auf europäischer Ebene soll die „European Drone Defence Initiative" Abhilfe schaffen. Aus der zunächst beworbenen östlichen „Drohnenwall"-Idee wurde nach Widerstand mehrerer Staaten ein EU-weites Projekt. Bis Ende 2026 will die EU grundsätzlich abwehrfähig sein. Hindernisse bleiben: der Kompetenzstreit zwischen Polizei und Bundeswehr in Deutschland sowie industriepolitische Rivalitäten zwischen den Mitgliedstaaten. Die Richtung ist klar – Tempo und Tiefe der Umsetzung entscheiden, ob die Bundeswehr im Drohnenkrieg von morgen mithalten kann.



