An vielen Berliner Schulen sind Beleidigungen, Ausgrenzung und körperliche Übergriffe für Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte zum Teil des Alltags geworden. Das legt das neue Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer nahe, das Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach vorgestellt hat. Es ist nach Angaben der Senatsverwaltung die bundesweit erste umfassende Untersuchung dieser Art.
Was die Befragung zeigt
Für die Erhebung befragte Allensbach zwischen November 2025 und Januar 2026 gut 14.000 Schülerinnen und Schüler der 6., 9. und 12. Klasse sowie mehr als 2.500 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende. Mehr als die Hälfte des befragten Personals bewertet Gewalt und Konflikte unter Schülern als großes oder sehr großes Problem. Rund 80 Prozent beobachten, dass Konflikte heute schneller eskalieren als früher, und fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme seit der Corona-Pandemie, wie der Tagesspiegel ausführt.
Besonders betroffen sind laut Befragung Neuntklässler: 63 Prozent berichteten von Beleidigungen, 26 Prozent von Ausgrenzung oder Mobbing und 25 Prozent davon, geschlagen, getreten oder geboxt worden zu sein. Als Auslöser nannten Schüler vor allem Kleinigkeiten (42 Prozent), Aussehen oder Kleidung (33 Prozent) und schulische Leistungen (19 Prozent).
Formen der Gewalt
Das Spektrum reicht von verbaler und sozialer Gewalt über digitale Konflikte bis hin zu körperlichen Übergriffen. Einen anderen Blickwinkel liefert die getrennt geführte schulische Notfall- und Gewaltmeldung: Im Schuljahr 2024/25 beteiligten sich nach Senatsangaben rund 82 Prozent der öffentlichen Schulen. Von den gemeldeten Vorfällen entfielen 53,6 Prozent auf körperliche Gewalt, 9,2 Prozent auf angedrohte Gewalt, 7,5 Prozent auf selbstverletzendes Verhalten und 4,3 Prozent auf Übergriffe gegen Schulpersonal.
Bundesweit verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik laut Deutschem Schulportal 2024 rund 28.760 Gewalttaten an Schulen – ein Anstieg von etwa 37 Prozent gegenüber 2022.
Was Lehrkräfte und Gewerkschaft berichten
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin verweist darauf, dass Übergriffe, Drohungen und Beleidigungen gegen Schulpersonal seit 2019 deutlich gestiegen seien. Wirksame Prävention setze ein verlässliches Unterstützungssystem, deutlich mehr Ressourcen und multiprofessionelle Teams voraus. Zugleich kritisiert die GEW, dass Kürzungen unter anderem die Schulsozialarbeit und damit die Gewaltprävention träfen – das verlagere pädagogische Lasten auf ohnehin überlastete Lehrkräfte.
Ursachen und diskutierte Maßnahmen
Als Ursachen werden in der Debatte nachlassende Frustrationstoleranz und Impulskontrolle, Nachwirkungen der Pandemie, soziale Belastungen sowie zunehmender Konformitätsdruck genannt. Personalmangel und gekürzte Unterstützungsstrukturen gelten als verschärfende Faktoren. Die Senatsverwaltung kündigt einen Dreiklang aus Prävention, früher Intervention und klaren Konsequenzen an; die GEW fordert vor allem mehr verlässliche Sozialarbeit und eine bessere personelle Ausstattung. Eine systematische, schulübergreifende Erfassung von Vorfällen soll Gewalt künftig sichtbarer machen.



